„Aus dem Amtsverkündungsblatt für den Kreis Friedberg vor 100 Jahren“ - Januar 1918

on 25.1.2018

Vor 100 Jahren ging die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu Ende. Der Erste Weltkrieg endete nach vier schweren Kriegsjahren mit der Kapitulation des Deutschen Reiches. Der Kaiser ging ins Exil. Philipp Scheidemann rief die Republik aus, die nachher die Weimarer Republik hieß. 

Wie das Leben in der Wetterau im letzten Kriegsjahr geregelt wurde, davon kann man einiges im „Amtsverkündungsblatt für den Kreis Friedberg“ nachlesen. Wir wollen in diesem Jahr einmal im Monat Auszüge daraus nacherzählen.

Die Lebenssituation der Menschen in Deutschland war im Januar 1918 war katastrophal. Nach der Seeblockade durch die Briten wurde die Versorgung mit Nahrungsmitteln immer schlechter. 1916 kam eine Missernte, insbesondere bei Kartoffeln, hinzu. Die Steckrübe wurde für breite Kreise der Bevölkerung ein wichtiges Nahrungsmittel: Steckrübensuppe, Steckrübenauflauf, Steckrübenkottelets, Steckrübenpudding, Steckrübenmarmelade und Steckrübenbrot, das gab es in vielen Haushalten. Die zurückgehenden Ernten sorgten für eine durchschnittliche Lebensmittelzuteilung von nicht mehr als 1.000 Kilokalorien pro Person.

Schweine sind sofort zur Ablieferung zu bringen

In der Literatur wird von rund 800.000 Menschen gesprochen, die in Deutschland während des Ersten Weltkrieges an Hunger und Unterernährung starben. Fast alle Lebensmittel waren rationiert. In der Landwirtschaft fehlten nicht nur die Arbeitskräfte und Zugtiere, auch Kunstdünger war knapp und streng rationiert. Im Landkreis Friedberg wurde Ende des Jahres 1917 mitgeteilt, dass „sämtliche Schweine, die nicht zur Hausschlachtung bestimmt sind oder die nicht zur Zucht dienen, im Wege der Zwangsumlage sofort zur Ablieferung zu bringen sind“. Wer seine Schweine nicht ablieferte, der wurde nicht nur enteignet, sondern auch mit Gefängnis bzw. Geldstrafe bedroht.

Überhaupt war die Lage schon so angespannt, dass das Thema Enteignung im Amtsverkündigungsblatt vom 3. Januar 1918 eine große Rolle spielte. Davon betroffen sind auch Althändler, Trödler, Tandler, Monatsgarderobenhändler oder Pfandleiher. Deren gebrauchte Kleidungs- und Wäschestücke werden beschlagnahmt.

Am 4. Januar heißt es im Amtsverkündigungsblatt, dass „mit Rücksicht auf die immer zunehmenden Schwierigkeiten auf dem Papiermarkt der Verbrauch von Papier jeglicher Art, insbesondere von Druck- und Schreibpapier, auf das Äußerste einzuschränken ist, damit der dringendste Bedarf der Heeresverwaltung, der Tageszeitungen und der Behörden unbedingt gesichert wird.“

Einen Vorschlag zum Papiersparen macht Hermann Freiherr Schenck zu Schweinsberg, geheimer Regierungsrat und als Kreisdirektor die Funktion des Landrates innehabend, gleich selbst, indem er schreibt: „Eine wesentliche Einschränkung des Papierverbrauchs ist auch dadurch möglich, dass Halbe- und Viertelbögen überall da verwendet werden, wo solche Bögen räumlich genügen…“

Wer die tägliche Steckrübensuppe in der Heimat satthat, dem wird der „Vaterländische Hilfsdienst“ schmackhaft gemacht. Helfer für die Etappe in dem „gewaltigen, von unserem Heere besetzten feindlichen Gebiet“ werden bei den Militärbehörden als Hilfskräfte benötigt. Die Lebensbedingungen seien „durchaus günstig“. Gute Entlohnung und reichliche Verpflegung werden gewährt. Besonders werden gesucht: Post- und Telegraphenbedienstete, Kutscher, Bäcker, Schlächter, Handwerker jeder Art, Hilfsschreiber sowie Beschäftigte im Sicherheitsdienst.

„Auf größte Reinlichkeit des Körpers ist Bedacht zu nehmen“

Die zunehmende Sorge vor Krankheiten drückt sich auch in den Veröffentlichungen für den Kreis Friedberg aus. So heißt es in einer Polizeiverordnung: „Wer die Haar- und Bartpflege gewerbsmäßig ausübt, hat alle zur Verhütung und Übertragung von Krankheiten geeigneten Vorkehrungen zu treffen. So haben solche Personen auf „größte Reinlichkeit“ des Körpers und der Kleider Bedacht zu nehmen, insbesondere bei der Ausübung des Berufes im Geschäftsraum einen leicht waschbaren hellen Rock zu tragen. Vor der Bedienung eines Kunden muss sich der Friseur in jedem einzelnen Falle die Hände waschen und an einem reinen Tuch abtrocknen. Personen, die mit einer übertragbaren Haut- oder Haarkrankheit oder mit Ungeziefer behaftet sind, dürfen in den gemeinen Geschäftsräumen nicht bedient werden“, heißt es weiter.

Rind und Kalbfleisch am Samstagnachmittag

Der Friedberger Bürgermeister informiert mit den Bekanntmachungen über den Verkauf von Rind- und Kalbfleisch sowie Wurst für diese Woche am Samstag, dem 5. Januar, nachmittags von eins bis sechs.

Anderthalb Wochen später kommt dann die freudige Nachricht, dass die ‚Reichszuckerstelle‘ eine größere Menge Kandiszucker zugeteilt habe, die im Februar abzunehmen ist. Haushaltszucker wie auch Kandis seien über die entsprechenden Zuckermarken zu beziehen.

Einschränkungen gibt es auch bei Mauersteinen und Dachziegeln und auch der Verbrauch von Strom wird eingeschränkt, und zwar auf 80 Prozent des Verbrauchs im gleichen Monat des Kalenderjahres 1916. Diese Regelung trifft auch kriegsnotwendige Betriebe.

Um Futtermittel zu gewinnen, ist das Fällen von Bäumen vor dem 15. April verboten

„Bei Fällungen, die nach dem 15. April vorgenommen werden, sind die grünen Zweige bis zu zwei Zentimeter Stärke am Abschnitt abzutrennen und im Wald zu belassen, damit diese als Laubheu und Futterreisig Verwendung finden.“

Silber im Hochbauamt

Die Finanzierung des Krieges erfolgte in den ersten beiden Kriegsjahren noch über Kriegsanleihen. Später wurden dann zusätzliche Steuern erhoben.

Im Großherzoglichen Hochbauamt im Schützenrain 5 wurde ab Januar 1918 auch Silber angekauft und zwar „für den „hohen Einheitspreis von 13 Pfennigen für ein Gramm. Der Wert wird wie beim Goldankauf sofort bar ausgezahlt. Jeder Einlieferer erhält dazu ein besonderes Gedenkblatt; die eiserne Gedenkmünze kann jedoch nicht gegeben werden. – Versilberte Gegenstände sind vom Ankauf ausgeschlossen, können aber für den “Vaterlandsdank“ gespendet werden“.

Spendenaufrufe gab es allenthalben, so etwa für die „Schwestern der Freiwilligen Krankenpflege in Kriegen“, deren stilles Heldentum es zu krönen gelte.

Wahlrecht nur für männliche Steuerzahler

An die Bürgermeister der Kreiskommunen zwischen Bodenrod und Vilbel erging Ende Januar 1918 der Auftrag, Wählerlisten für die Ersatzwahlen der Zweiten Kammer der Stände aufzustellen.

Stimmberechtigt für die Wahlen sind „alle Personen männlichen Geschlechts, die

1. zur Zeit der Wahl das 25. Lebensjahr zurückgelegt haben,

2. zur Zeit der Wahl wenigstens drei Jahre im Großherzogtum Hessen wohnten und ein Jahr die hessische Staatsangehörigkeit besitzen und

3. zu direkten Staats- oder Gemeindesteuern herangezogen werden“.

Stimmberechtigte, die das 50. Lebensjahr zurückgelegt haben, sind berechtigt, zwei Stimmen bei der Wahl abzugeben.

Von der Wahl ausgeschlossen sind unter anderem Personen, über deren Vermögen der Konkurs eröffnet wurde.

Frauen durften ebenfalls nicht wählen, das Frauenwahlrecht wurde in Deutschland erst im Jahre 1919 eingeführt.

Während die Versorgungssituation immer schwieriger wurde, herrschte über die dramatisch schlechte Lage an der Westfront nur wenig Kenntnis. Die Gießener Mitglieder der Vaterlandspartei richteten bei ihrer Feier zur Reichsgründung folgendes Telegramm an den Großherzog:

In ernstester Schicksalsstunde versammelt

„Eurer Königlichen Hoheit huldigen 800 heute zur Feier der Reichsgründung in ernstester Schicksalsstunde versammelte Mitglieder der Deutschen Vaterlandspartei in Gießen ehrfurchtsvoll.

Wir wissen um eins, mit Königlicher Hoheit mit dem stahlharten Willen gegen die Feinde, vor allem England, uns durchzusetzen und keinen Frieden anzunehmen, der uns nicht vor neuen räuberischen Überfällen wirklich sichert, und Ersatz von Land, Werten und Geld für die ungeheuren uns zugefügten Verluste bringt. Wir bitten, Eure Königliche Hoheit ehrerbietigst, gleich den Königen von Bayern und Sachsen die feste Siegeszuversicht der Hessen öffentlich zum Ausdruck zu bringen.“

Der Dank für das Telegramm ist im Amtsblatt ebenfalls abgedruckt.

Im Osten nichts Neues

In der letzten Ausgabe des Amtsverkündungsblattes im Januar 1918 wird von den östlichen Kriegsschauplätzen nichts Neues gemeldet.

Von der Westfront heißt es:

„Im Stellungsbogen östlich von Ypern und in einzelnen Abschnitten zwischen den von Arras und Pérronne auf Cambrai führenden Straßen entwickeln sich heftige Artilleriekämpfe.“

„Im Mittelmeer haben deutsche U-Boote zwei große Dampfer aus einem durch zahlreiche Bewacher und U-Boot-Jäger gesicherten Geleitszug herausgeschossen“, berichtet der Chef des Admiralstabs der Marine.

Wie viele Menschen dabei ihr Leben ließen, wird nicht berichtet.

 

Unser Bild zeigt Kreisrat Geheimer Regierungsrat Freiherr Schenck zu Schweinsberg (Amtszeit 1913-1921)




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